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„Freiheitsschock“ polarisiert – eine erfrischend offene Analyse

In Politikwissenschaft on April 13, 2026 at 10:18 pm

Ilko Sascha Kowalczuk

Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute.

München: C.H. Beck 2024

978 3 406 82213 1

Keiner polarisiert so wie Ilko-Sascha Kowalczuk. Altlinke und DDR-Nostalgiker, sehr rechtsgerichtete Journalisten der Zürcher Weltwoche und die Berliner Zeitung mit ihrem sehr eigenen antiliberalen und mutmaßlich Stasi-belasteten Eigentümer Holger Friedrich, Neo-Ostler und erzkonservative CDUler hassen ihn für seine Analysen zur DDR. Das lassen sie ihn nicht nur in Zeitungsartikeln und Debatten spüren, sondern auch und vor allem in den Sozialen Medien. Dort sind die Attacken besonders heftig. Kowalczuk seinerseits reagiert mit langen kritischen Repliken.

Fakt ist: Der Historiker Kowalczuk provoziert mit pointierten Geschichtserzählungen.

Dabei sind die sehr politischen Analysen des engagierten Historikers Kowalczuk brillant und richtig. Genau deshalb eckt er ja an. Dafür sorgen Feststellungen wie diese: „Bis heute hält sich selbst in unverdächtigen Kreisen die Annahme, die DDR sei ein Friedensstaat und die NATO ein Angriffsbündnis gewesen. Im Osten dürfte diese Annahme mehrheitsfähig sein. Das hat nichts mit Fakten zu tun. Das sind Gefühlslagen. Und die sind irrational, also nicht wirklich erklärbar. Ich jedenfalls bin froh, dass der Osten 1990 in der Frage der NATO einfach zur Seite gedrückt wurde mit seinen ‚Gefühlen‘. Die NATO-Osterweiterung war die wichtigste Maßnahme, um Polen oder dem Baltikum Sicherheit zu garantieren. Die Forderung, die Ukraine in die NATO aufzunehmen, scheiterte 2008 nicht nur an fehlenden Voraussetzungen, sondern unter anderen auch an einer Ostdeutschen. Die Kommunisten deklarierten die SED zur Partei des Friedens. Frieden und Antifaschismus waren in ihrem Hoheitsgebiet nur in der kommunistischen Interpretation zu haben – jeder Widerspruch stempelte einen zum Kriegsfreund und Faschisten ab.“

Kowalczuks Kernthese

Kowalczuk beschreibt in Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute den Übergang von der DDR-Diktatur zur Demokratie als massiven Schock für viele Ostdeutsche. Damit stellt er sich gegen Nostalgiker wie Dirk Oschmann, der „den Osten“ zu einer „Erfindung des Westens“ machen möchte, oder Jana Hensel (Zonenkind).

Da ist ein Riss im Land. Und er wird immer tiefer. Daran ist nicht in erster Linie „Der Westen“ schuld, der gar nicht weiß, wie tief der Hass im Osten ist.

Längst hat sich eine Mentalität der Selbstgerechtigkeit und des Jammers über nicht anerkannte Biografien breitgemacht, als ob es nicht gigantische Opfer auch des Westens und der „BRDler“ gegeben hätte – und Milliardenfinanztransformationen. So erklärt sich der Zorn des Westens auf den „undankbaren Osten“.

Die Lage ist also durchaus schwierig.

Einstige SEDler oder Blockparteiler, die sich längst angepasst haben, die Wagenknecht wählen oder AfD, mögen dies vermutlich nicht lesen. Sie kultivieren laut Kowalczuk ihren Zorn auf ein neues System, das ihnen anders als erwartet keine Vollbetreuung durch „Helmut“ [Kohl] oder den Staat beschert hat. Die Folge sind Hass und Frust und DDR-Ostalgie. Freiheit sei eben keine Erlösung, sondern eine Zumutung: Statt eigenverantwortlicher Partizipation sehnten sich viele nach autoritärer Fürsorge, sei es von Helmut Kohl, der PDS oder heute AfD und BSW. Seine Analyse entlarvt Mythen wie die „friedliche DDR“ oder die breite Beteiligung an der Revolution 1989 – tatsächlich habe eine kleine Minderheit die Mauer umgeworfen, während die Mehrheit zuschaute und „hinter der Gardine“ blieb.

Wie Ines Geipel, die streitbare Literaturprofessorin und einstige Leichtathletik-Weltrekordlerin, die ich sehr schätze, legt auch Ilko-Sascha Kowalczuk den Finger in die Wunden. Und davon gibt es sehr viele. Freiheitsschock benennt sie. Das ist gut so.

Positive Echos in taz und Lausitzer Rundschau

Die taz lobt Kowalczuks Widerborstigkeit als erfrischend gegen „irrlichternden Kitsch“ und gegen um sich greifende Ostalgie.

Ich glaube nicht, dass der Historiker die soziale Dimension der Transformation vernachlässigt und damit vereinfacht. So habe ich sein Buch nicht gelesen. Und Fakt ist auch dies: Ins Bergfreie ist niemand gefallen. Die volle Anerkennung der Ostzeiten für die Rente wird im Westen durchaus kritisch gesehen. In diesen Diskussionen geht es dann um Gerechtigkeit und manchmal auch um ausbleibende Dankbarkeit. Das gilt umso mehr für den Verrat an der Demokratie, den wir etwa in Sachsen -Anhalt erleben, wo absurderweise ausgerechnet die AfD Oberwasser gewonnen hat.

Ja, das Buch „Freiheitsschock“ ist provokant. Aber Kowalczuks Appell ans selbstständige Denken ist auch dringend notwendig in einer Zeit der verlogenen DDR-Nostalgie. Seine Attacken gegen AfD und Wagenknecht sind berechtigt und notwendig.

Der Zorn des kritischen Historikers auf DDR-Verklärung ist nachvollziehbar. Die Brillanz in seiner Zerlegung von Lebenslügen ist faszinierend. Und dass er sich entschieden gegen Rassismus positioniert, ist extrem wichtig.

Scharfe Kritik in Weltwoche und Berliner Zeitung

Es überrascht nicht, dass die extrem rechte Weltwoche aus der Schweiz, die so oft auf Russland-Linie liegt und gern radikale Willkür-Analysen serviert, Kowalczuk als „Geschichtsrevisionisten“ diffamiert. Man ist in dieser Schweizer Postille gern alternativ verschwörungstheoretisch aktiv. Oft denke ich: Wir müssen in unterschiedlichen Welten leben.

Dennoch muss man diese zuweilen „neonazistischen Attitüden“ und die pure Polemik eines Putin-Fans wie Christoph Mörgeli ernst nehmen, weil sie Wirkungstreffer erzielen – und weil es nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschlands Osten genügend Menschen gibt, die so denken wie die Propagandisten der Weltwoche.

Kowalczuks Erzfeindin ist die Berliner Zeitung. Da werden alte Rechnungen beglichen, die mit der Stasi-Vergagenheit des Zeitungseigners Holger Friedrich zusammenhängen. Kowalczuk gehörte zu denen, die Friedrich entlarvt und seinen Zeitungskauf scharf kritisiert haben.

Bei jeder Gelegenheit schlägt die Berliner Zeitung, die er „Berlinske Prawda“ nennt, nun zurück. Sie will den „Freiheitsschock“-Autor zum „Ossi-Flüsterer der Grünen“ und „Trittbrettfahrer“ machen, was ein völliger Unsinn ist. Es ist eine böswillige Kritik, die Fakten ignoriert und stattdessen auf persönliche Angriffe setzt. Solche Attacken beweisen Kowalczuks Relevanz.

Stärken und Schwächen des Buches

Kowalczuks Stärke liegt in der pointierten Entlarvung antifreiheitlicher Ressentiments und nsotalgischer Verharmlsoung: Er kontrastiert den liberalen Freiheitsbegriff mit dem Geschichtsrevisionismus der Ostalgiker und warnt vor AfD/BSW als Putin-Gefolgsleuten.

Dieser kompakte Essay ist ein Weckruf gegen Geschichtsvergessenheit und für aktive Demokratie.

Dr. Armin König

Politisch handeln unter Risiko

In Politikwissenschaft on Januar 8, 2026 at 2:56 pm

Aktualisierte Rezension (2026)
Herfried Münkler / Matthias Bohlender / Sabine Meurer (Hg.): Handeln unter Risiko – Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge. Bielefeld: transcript. ISBN 978-3-8376-1228-8.

„Handeln unter Risiko“ erschien wenige Wochen vor der Katastrophe von Fukushima, die sich am 11. März 2011 in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Damals war der Band ein Beitrag zum theoretischen Diskurs über Sicherheit, Vorsorge und Wagnis in modernen Gesellschaften. Heute, im Jahr 2026, lässt er sich auch als historische Momentaufnahme lesen – als Diagnose einer Welt an der Schwelle zur permanenten Krisenerfahrung.

Was Wolfgang Bonß in seinem Beitrag als „(Un)Sicherheit als Problem der Moderne“ beschreibt, hat sich in den Jahren nach Fukushima vielfach bestätigt: Die Versprechen technischer Beherrschbarkeit haben sich als Illusion erwiesen. Tschernobyl und Fukushima waren die paradigmatischen Orte dieser Erkenntnis. Doch seitdem sind neue Risikotopografien hinzugekommen – Pandemien, Cyberangriffe, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, Energie- und Klimakrisen. Sie alle verdeutlichen, dass sich die Relation von Risiko und Sicherheit in der globalisierten Moderne nicht mehr stabilisieren lässt.

Die Herausgeber – Herfried Münkler, Matthias Bohlender und Sabine Meurer – haben schon damals das Spannungsverhältnis von Prävention und Nachsorge betont. Ihr Befund gilt unvermindert: Das Präventionsprinzip dominiert, das nachsorgende Prinzip ist diskreditiert. Doch gerade der Verlauf der COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie notwendig gesellschaftliche Resilienz und Nachsorgekapazität sind, wenn Prävention versagt oder an strukturelle Grenzen stößt. Das Konzept des „nachsorgenden Prinzips“ erscheint heute aktueller denn je: als realistische Antwort auf die Unvermeidlichkeit des Risikoeintritts.

Die Beiträge des Bandes wirken aus heutiger Sicht erstaunlich vorausschauend: Sie reichen von Herfried Münklers Überlegungen zu „Sicherheit und Freiheit“ über Ortwin Renns und Marion Dreyers Konzepte der Risk Governance bis zu Harald Welzers „Ökologie des Krieges“ und Heike Kriegers völkerrechtlichen Reflexionen zu einer neuen Sicherheitsarchitektur. Fast prophetisch mutet an, dass Leon Hempel und Michael Carius schon 2011 die innere Sicherheit im „transnationalen Großraum der Europäischen Union“ analysierten – zu einem Zeitpunkt, als man Migrationsdruck, Pandemie-Management oder hybride Bedrohungen noch nicht als sicherheitspolitische Schlüsselthemen begriff.

Auch Friedbert W. Rübs Diagnose der „permanenten Transformation“ des Wohlfahrtsstaats liest sich heute in einem anderen Licht: soziale Unsicherheit und Prekarisierung haben sich seitdem nicht aufgelöst, sondern sind struktureller Bestandteil westlicher Gesellschaften geworden. Rübs These, dass die „Krise“ selbst zur Normalform des Wohlfahrtsstaates geworden ist, hat sich als erschreckend robust erwiesen.

In der Rückschau erscheint Münklers Sammelband wie ein Frühwarnsystem einer Gesellschaft, die an die Dauerpräsenz von Krisen gewöhnt werden sollte. Der homo oeconomicus, dessen Sicherheitsglaube Bonß so präzise seziert, steht heute in Gestalt datengetriebener Kontrollsysteme und algorithmischer Risikoabschätzungen erneut im Zentrum der gesellschaftlichen Steuerung. Die Controller haben das Zepter nicht abgegeben – sie haben es digitalisiert.

„Handeln unter Risiko“ ist damit kein zeitgebundenes Produkt der Nach-Fukushima-Jahre, sondern ein Schlüsselwerk zur Selbstreflexion spätmoderner Gesellschaften geblieben. Es fragt nach den Grenzen von Kontrolle und nach der Zumutbarkeit des Wagnisses – und verweist damit auf eine Einsicht, die 2026 aktueller ist denn je: Sicherheit ist kein Zustand, sondern eine Erzählung, die immer wieder neu ausgehandelt werden muss.

Dr. Armin König

Aufwühlend und eminent wichtig: Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen

In Politikwissenschaft on Dezember 1, 2025 at 10:53 pm

Filmkritik

von Dr. Armin König

Seit „Holocaust“ hat mich kein Film über die Nazi-Verbrechen gegen die Menschlichkeit so aufgewühlt wie „Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen“ (2025). Obwohl Regisseur Carsten Gutschmidt ja eigentlich eine Gerichtsreportage über den Beginn und den Verlauf der Nürnberger Prozesse gedreht hat, wurde der Film selbst zu einem höchst persönlichen Drama mit tiefer Intensität – dank außergewöhnlicher schauspielerischer Leistungen.

„Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen“ erzählt die Ereignisse von Nürnberg aus der Perspektive zweier junger Holocaust-Überlebender: Ernst Michel, damals 22 Jahre alt, und Seweryna Szmaglewska, damals 29 Jahre alt.

„Ich habe überlebt. Als Jude. Ich war ein Flüchtigkeitsfehler im System“, sagt der Auschwitz- und Buchenwald-Überlebende Ernst Michel aus Mannheim an einer Stelle eher nebenbei – und trifft gerade damit ins Herz und die Seele der Zuschauenden. Er ist die Hauptperson dieses Dokudramas. Keiner wirkt so authentisch.

Ernst Michel hat seine Familie in der Schoa verloren. Und er hat die perversen Medizinexperimente Josef Mengeles überlebt. Michel musste im KZ junge gesunde Frauen in Mengeles OP-Säle führen, ohne auch nur eine Regung zeigen zu dürfen – und ihre Leichen musste er anschließend abtransportieren. Möglicherweise hat er nur deshalb überlebt, weil er eine schöne Handschrift hatte und im Auftrag der Gaskammermörder die Totenscheine ausstellen musste.

Als Überlebender dieser KZ-Hölle ist er zu der übermenschlichen Herausforderung bereit, über den Prozess im Nürnberger Gerichtssaal 600 zu berichten – und damit auch über die Massenmörder des Naziregimes, die ihm gegenüber im Gerichtssaal sitzen. Seine Artikel zeichnet er mit „Sonderberichterstatter Ernst Michel. Auschwitz-Nummer 104995“.

Mehr als einmal vertraut er, der Reporter-Novize der Deutschen Allgemeinen Nachrichtenagentur (DANA), sich seinem jungen Kollegen Willy Brandt an, der ihm die entscheidenden Hinweise gibt, wie er diesen Prozess als Journalist und als Mensch überstehen und journalistisch herausragend bewältigen kann. Die Rolle Michels ist mit Jonathan Berlin überzeugend besetzt. Gleiches gilt für die Rolle der KZ-Überlebenden Seweryna Szmaglewska, gespielt von Katharina Stark. Sie ist Zeugin der Anklage – eine von nur zwei Frauen, die überhaupt zugelassen werden als Zeuginnen –, wird aber immer wieder hingehalten und vertröstet. Fast glaubt man, sie würde aufgeben und abreisen. Aber sie bleibt. Und sie, die schwer Traumatisierte, die Leidende, die nicht verstehen kann, wie die Verteidiger der Nazigrößen mit Tricks und Winkeladvokatenzügen den Prozess verzögern und in die Länge ziehen, sagt dann doch aus, ebenso wie die Zeugin Marie-Claude Vaillant-Couturier. Sie sagte aus: „In Auschwitz waren acht Verbrennungsöfen. Diese waren aber ab 1944 nicht mehr ausreichend. Die SS ließ von den Häftlingen große Gruben ausgraben, in denen sie mit Benzin übergossenes Reisig anzündeten… Eines Nachts wurden wir durch furchtbare Schreie aufgeweckt. Am nächsten Tag haben wir von Männern, die im Sonderkommando, dem Gaskommando, arbeiteten, erfahren, dass sie am Abend vorher lebendige Kinder in die Scheiterhaufen geworfen hätten, da nicht mehr genügend Gas vorhanden war.“

Das ist schwere Kost, aber notwendig und wichtig. Weil es all die Legenden, die im Nachhinein gestrickt wurden und jetzt wieder neu aufleben, ad absurdum führt.

Und so werden wir anhand einer Montage von dokumentarischen Filmaufnahmen aus dem Prozesssaal und Spielszenen selbst zu Zeugen eines Strafprozesses, wie ihn die Welt zuvor noch nicht gesehen hat. Entsetzt verfolgt man, wie sich die Nazigrößen Hermann Göring, Rudolf Hess, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel, Alfred Jodl und Alfred Rosenberg allesamt für „nicht schuldig“ erklären – trotz millionenfacher Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Görings zynische, derbe und gleichzeitig banale Arroganz provoziert noch heute. Wäre dies als fiktionales Drehbuch eingereicht worden, wäre es wohl zurückgewiesen worden. Aber es war die Realität. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Nürnberger Gerichtssaal sind unbestechliche Dokumente dieser „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) und der abgrundtiefen Bosheit.

Als jüngster Journalist und einziger Auschwitz-Überlebender unter Reportern aus aller Welt und einziger Auschwitz-Häftling unter den Berichterstattern wird Michel zum wichtigsten Chronisten in Nürnberg. Über die abgrundtiefe Bosheit der Angeklagten, deren Selbstgerechtigkeit, die Langeweile, die den Prozess zeitweise umgibt, muss der 22-jährige Journalist nun täglich schreiben. Er kommt jeden Tag. Es ist seine Mission. Seine Berichte werden weltweit gelesen. Und weil er als „Auschwitz-Häftling Nr.“ trotz erlittener schwerster Ungerechtigkeiten objektiv berichtet, will Göring (in den Spielszenen überzeugend: Francis Fulton-Smith) ihn in seiner Zelle treffen. Görings aalglatter Anwalt Dr. Otto Stahmer (authentisch gespielt von Wotan Wilke Möhring) überredet Michel tatsächlich zu diesem Treffen in der Zelle. Als Göring, Architekt der Judenvernichtung, ihm die Hand reichen will, flieht Michel entsetzt. Faktum und Fiktion in einer nachgestellten Szene.

Ja, das ist zeitweise schwer auszuhalten, auch als Zuschauer.

Der Film müsste in jeder Schule, in jeder Gemeinde gezeigt werden – gerade in Zeiten von Remigrationsfantasien und Hass und Gewalt rechtsextremistischer Fanatiker, „Schuldkult“-Reden der AfD und zunehmender Geschichtsvergessenheit.

Ergänzt werden die Spielszenen des Dokudramas durch Interviews mit Ernst Michels Tochter, die erstmals den Gerichtssaal in Nürnberg besucht, in dem ihr Vater saß, sowie mit Seweryna Szmaglewskas Sohn.

„Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen“ ist ein außerordentlich wichtiger Film, an dem sich alle neun Landesrundfunkanstalten beteiligt haben.

Der NDR schreibt dazu erläuternd auf der Webseite:

„Mit ‚Nürnberg 45‘ präsentiert die ARD eine eindrucksvolle und historisch bedeutsame Produktion, die dokumentarische Genauigkeit mit emotionaler Tiefe verbindet. Den Beteiligten ist es gelungen, die komplexe Gemengelage der unmittelbaren Nachkriegszeit differenziert und mit hoher künstlerischer Qualität darzustellen. Das Dokudrama leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit diesem prägenden Kapitel des 20. Jahrhunderts.

‚Nürnberg 45 – Im Angesicht des Bösen‘ ist ein Beispiel für die besondere Kraft filmischen Erzählens historischer Stoffe. Das Genre des Dokudramas, das in der ARD eine lange Tradition hat, eignet sich besonders gut, um historische Themen gerade auch für jüngere Zielgruppen lebendig und nachvollziehbar aufzubereiten.“

Dieser Film hat höchste Auszeichnungen verdient.

Cast u. a.:

Jonathan Berlin: Ernst Michel [HR]

Katharina Stark: Seweryna Szmaglewska [HR]

Wotan Wilke Möhring: Dr. Otto Stahmer [NR]

Francis Fulton-Smith: Hermann Göring [NR]

Rony Herman: Bill Stricker [NR]

Max Schimmelpfennig: Witold Wisniewski [NR]

Franz Dinda: Willy Brandt [NR]

Hendrik Heutmann: Stanislaw Piotrowski [NR]

Synchronstimmen (Originalaufnahmen):

Heino Ferch: Ernst Michel

Herbert Knaup: Jacek Wiśniewski

Annette Frier: Lauren Shachar

Drehbuch: Dirk Eisfeld

Literarische Vorlage: Seweryna Szmaglewska, basierend auf dem Roman „Die Unschuldigen in Nürnberg“

Kamera: Jens Boeck

Musik: Jens Südkamp

Produzenten: Michael Souvignier und Till Derenbach

Regisseur: Carsten Gutschmidt

Produktionsfirmen:

Zeitsprung Pictures, Spiegel TV

Erstausstrahlung ARD: 9. November 2025

Uraufführung: 27. September 2025, Filmfest Hamburg.

Ernst Michel änderte später in den USA seinen Namen in Ernest W. Michel. 

1993 veröffentlichte er seine Erinnerungen unter dem Titel Promises to keep. One man’s Journey against incredible odds.